Wake Up in Great Britain

Die ganze Woche lang äußerst reservierten Small-Talk (natürlich im besten Englisch) halten, Tee fusioniert bekommen und versuchen, einen Tweet von einer roten Telefonzelle zu schreiben – Sollte man sich so die Studienfahrt nach England vorstellen?

Während andere Fahrten um 6 Uhr morgens am Flughafen Berlin Tegel starten, begann unsere am Sonntag Abend um 23.30 Uhr an der Schule. Eine viel zu lange Fahrt mit einem Doppelstockbus, der von innen selbst um 4 Uhr nachts einem Partybus glich, stand nun bevor. Von spät in die Nacht bis zum Morgengrauen erfüllte den Bus lautes Gelächter, zur Stimmung passende Musik und alle fünf Minuten der Klang eines gereizten „Macht mal leiser, ich will schlafen!“

Widerwillig musste sich jeder der knapp 60 Schüler mit maximal vier Stunden Schlaf abfinden, denn bis 10.45 Uhr hatten wir bereits Deutschland, die Niederlande und Belgien durchquert und befanden uns bis dato in Frankreich. Um genauer zu sein in Calais, bereit um die restlichen Kilometer, die uns von England trennten, mit der Fähre nach Dover zu bewältigen. Von Dover ging es dann nach Canterbury, einer eher kleinen mittelalterlichen Stadt, die für ihre Canterbury Tales (alte Erzählungen des Dichter Geoffrey Chaucer) bekannt ist. Die Motivation hielt sich aufgrund des mangelnden Schlafs und der schwer verständlichen Sprache – Altenglisch – in der die Guide Tour, der Märchen gehalten war, in Grenzen. Nach etwas Freizeit in Canterbury stand der aufregende Teil der Anreise an: das erste Aufeinandertreffen mit unseren Gastfamilien. Als wir 17.30 Uhr am besagten Punkt ankamen, wurde es immer unruhiger im Bus. Die meisten Schüler standen auf, um aus dem Fenster die kommenden Autos zu beobachten. Lautes Stimmengewirr und nervöses Lachen übertönte beinahe die Namen, der Schüler, dessen Familien als erstes eintrafen. Je weniger wir wurden, desto größer wurde die Neugier auf unsere Gasteltern. Würden sie wie erwartet sein? 

Selbst auf unserer Studienfahrt konnten wir den gewohnten Schulrhythmus beibehalten: früh aufstehen, rechtzeitig am Treffpunkt sein und um 8 Uhr ging es dann mit dem Bildungsauftrag los. Am Dienstag stand zunächst ein vielseitiges Durcheinander an – eine Stadtrundfahrt. Mit einem – für diese Uhrzeit – äußerst gut gelaunten englischen Tour Guide erkämpften wir uns den Weg durch den chaotischen Verkehr. Wir machten unter anderem Halt am – mit Touristen überfüllten -Buckingham Palace und hatten sogar auf der Weiterfahrt die Ehre, dem Premierminister und Befürworter des harten Brexit, Boris Johnson, die Vorfahrt zu nehmen. Aber was soll man schon gegen die Verkehrsregeln und einen (unbeliebten) Politiker tun?

Nach der Stadtrundfahrt machten wir einen kurzen Zwischenstopp, in dem sich jeder was zum Essen – vorzugsweise typisch englisch Fish And Chips – holen konnte. Um 13.30 Uhr ging es in den Tower Of London. Ein Burg aus dem 11. Jahrhundert, in der unter anderem die britischen Kronjuwelen hinter Glas glitzerten und Raben, laut Sagen, den Turm bewachten. Bevor es um 18.30 Uhr zurück zu den Gastfamilien ging, war noch genug Zeit für eine Spaziergang entlang der Themse, die in der warmen Sonne glänzte. 

Wie die letzten Tage ging es auch am Mittwoch bereits früh los. Um 8 Uhr fuhren wir nach Cambridge, eine altertümliche, ruhige Stadt. Jahrhunderte alte Geschichten verbinden die vielen verschiedenen Colleges, die der Stadt ihren guten Ruf verliehen. Berühmte Wissenschaftler und Schriftsteller schlenderten hier einst durch die alten Gassen und ließen sich in ihrer Mittagspause am River Cam nieder, auf dem heute vor allem Gondelfahrten statt finden. Wenige Autos, bequeme Wege und kleine Läden in schmalen Passagen waren ein ziemlicher Kontrast zum stressigen Leben Londons. Anstatt eines hupenden Autos hörte man hier hinter der nächsten Ecke Vögel zwitschern. 

Unser letzter Tag, Donnerstag, begann mit einer Bootsfahrt auf der Themse. Während wir gemütlich vom Stadtteil Greenwich nach Westminster schipperten, erzählte uns der Bootsfahrer mit dem perfekten britischen Akzent Geschichten, über Besucher aus aller Welt. In Westminster angekommen, bahnten wir uns unseren Weg durch die Touristen hin zum bekannten London Eye. Vom Riesenrad hatte man in einer 30-minütigen Fahrt die beste Sicht über ganz London. Mit dem Blick auf die tausenden Häuser, wurde mir erst bewusst, wie klein wir doch eigentlich waren. Mitten in Englands Herzen befanden wir uns als laute deutsche Reisegruppe, die an den bekanntesten Orten der Welt innerhalb 24 Stunden schon wieder längst vergessen war. 

Die letzten Stunden blieben zum Shopping in der belebten Oxford Street bis hin zum vollen Berufsverkehr in der Londoner U-Bahn. Unsere Reise endete in der O2-Arena, die neben Konzerten und Shows auch für Restaurants und Touri-Shops steht. Um 22 Uhr wartete unser Bus bereit zur Rückfahrt auf uns. Völlig erschöpft von den vergangenen drei Tagen, ließen wir uns in die Sitze fallen und genossen einen letzten Blick, gefolgt von einem leisen goodbye, auf das wunderschöne London bei Nacht. 

Josi